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INTERFORST 2018: Interview mit Dr. Eva Tendler, Forstwissenschaftlerin und Projektmanagerin im Cluster

(Bild: Dr. Eva Tendler (links), Projektmanagerin im Cluster „Forst und Holz Bayern“, mit Martina Ehrnsperger, der Projektleiterin der INTERFORST [Foto: INTERFORST aus Forstpraxis])

 

                                                                                                                     

 Dr. Eva Tendler, Forstwissenschaftlerin und Projektmanagerin im Cluster „Forst und Holz Bayern“, hat ihre Doktorarbeit über „Urbane Waldbesitzer“ geschrieben. Seit Jahren entwirft sie Strategien für die Kommunikation mit Waldbesitzergruppen. Martina Ehrnsperger, Projektleiterin der INTERFORST, sprach mit ihr über die Veränderungen in der Waldbesitzerstruktur, über die steigende Anzahl an Waldbesitzerinnen sowie über Herausforderungen, mit denen es Waldbesitzer und Beratungsförster zu tun haben.

Das INTERFORST-Interview ist hier zu lesen oder auch als Video zu sehen!

Frau Tendler, es gibt 700.000 Waldbesitzer in Bayern, das entspricht einer Menschenkette von Regensburg bis Berlin. Wie kommt diese Zahl zustande?

Wir haben in Bayern 2,6 Millionen Hektar Waldfläche, davon sind 56 Prozent in privatem Besitz. Die Privatwaldbesitzer haben im Schnitt 2,3 Hektar pro Person. Oft wird Wald an mehrere Personen vererbt. Wenn früher ein Landwirt acht Kinder hatte, wurde der Wald im schlechtesten Fall an diese acht Kinder vererbt.

Bei Erbengemeinschaften bezieht man also jede einzelne Person in die Zahl der Waldbesitzer mit ein?

Ganz genau. Es gibt in Bayern 430.000 Waldbesitzschaften, die aufgeteilt werden auf 700.000 Waldbesitzer. Davon sind wiederum 313.000 alleinige Waldbesitzer, und es gibt 138.000 Fälle, in denen zwei Personen einen Wald besitzen. Der Rest sind drei oder mehr Personen, die Wald besitzen. So ergibt sich die Menge von 700.000 Waldbesitzern.

Die Struktur der Waldbesitzer hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Früher waren es Landwirte, die vom Wald gelebt und den Hof an die Kinder weiter gereicht haben. Landwirtschaftliche Anwesen aber gibt es immer weniger. Wie sieht heute der typische Waldbesitzer aus?

Früher war der Waldbesitzer fast immer ein Mann, in der Regel ein Landwirt. Der hat sein Holz genutzt und auch verkauft. Viele denken bei Waldbesitzern immer noch in Richtung grüner Mensch mit Axt im Wald. Solche Stereotypen gibt es aber immer weniger. Heute spiegeln Waldbesitzer die ganze Breite der Gesellschaft wieder. Es sind Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Berufen, Männer wie Frauen.

Zum Beispiel?

Die Lehrerin, der Marketing-Spezialist, die Kindergärtnerin, der Zahnarzt, natürlich auch die Landwirte, eben ganz unterschiedliche Menschen. Ungefähr die Hälfte der Waldbesitzer haben immer noch einen landwirtschaftlichen Hintergrund.

Heutzutage wird Wald auch an Frauen vererbt, an Töchter und Ehefrauen. 41 Prozent der Privatwaldbesitzer sind Frauen. Ticken Waldbesitzerinnen anders als ihre männlichen Pendants?

Die Frauen interessieren sich weniger für Forsttechnik und mehr für die Natur. Sie gehen auch mal raus in den Wald, um Dachsen zu suchen, um Beeren zu pflücken, um Pilze zu sammeln. Frauen sehen mehr den Verantwortungsaspekt in Richtung Gesellschaft, in Richtung Klimaschutz und nachhaltiger Waldwirtschaft. Das heißt nicht, dass sich Waldbesitzerinnen gar nicht für Technik oder Holzernte interessieren. Aber sie interessieren sich für andere Themen mehr.

Das bedeutet, dass Waldbesitzerinnen anders angesprochen werden müssen als ihre männlichen Pendants?

Wenn Sie eine Waldbesitzerin ansprechen wollen, dann dürften Sie nicht mit einem Bild von einem starken Mann mit Motorsäge kommen. Besser ist ein Bild, auf dem ein natürlicher gepflegter Wald zu sehen ist. Die Frauen interessieren sich eher für die Waldnatur, für die Generationenaspekte, für gesellschaftliche und soziale Themen, die Männer eher für das Holz, für die Technik, für finanzielle Aspekte. Das heißt aber nicht, dass Männer nicht genauso verantwortungsvoll handeln wie Frauen. Die Waldbesitzer, die ich erlebt habe, sind sehr verantwortungsvoll.

Trotz des steigenden Anteils an Waldbesitzerinnen: Die Forst- und Waldwirtschaft ist, wenn man sich zum Beispiel die Besucher der INTERFORST ansieht, noch immer eine Männerdomäne.

Das ist richtig. Die Forstwelt ist eine Männerbranche. Wenn Sie auf eine Waldbesitzerveranstaltung gehen, werden Sie dort immer noch 90 Prozent Männer finden. Vieles wird unter Männern geregelt. Für Frauen ist es oft schwierig, in diese Männergesellschaften rein zu kommen. Mittlerweile haben sich Waldbesitzerinnen zu Interessengemeinschaften zusammengeschlossen, die gehen dann gemeinsam in solche Versammlungen.

Es gibt sogar eigene Motorsägenkurse für Frauen.

Die Frauen wollen das gerne untereinander ausprobieren, in einem sehr geschützten Rahmen. Wenn Männer dabei wären, hätten die Frauen Angst, sich lächerlich zu machen. Umgekehrt ist das aber genauso. Das Ziel dieser Kurse ist nicht, Frauen getrennt von den Männern zu behandeln, sondern sie in einem geschützten Rahmen an die Forstwirtschaft heranzuführen und dann gemeinsam mit den Männern weiter zu betreuen.

Ob Mann oder Frau: Wie reagiert jemand, der den Wald nur vom Spazierengehen kennt auf die Nachricht, dass er einen Wald geerbt hat?

Da gibt es ganz unterschiedliche Reaktionen. Die einen machen erst mal gar nichts oder fahren vielleicht mal am Wochenende in ihren Wald. Andere wenden sich an Naturschutzorganisationen. Wieder andere machen sich auf die Suche nach Informationen. Häufig gelangen sie dann über Umwege zu den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, die einen Beratungsförster vermitteln.

Und der Beratungsförster wäre die richtige Anlaufstelle?

Genau. Jeder Beratungsförster ist für ein gewisses Revier verantwortlich. Da kann man als neuer Waldbesitzer anrufen und um Hilfe bitten. Die Beratungsförster zeigen Möglichkeiten auf, was man mit dem Wald machen kann.

Sofern man seinen Wald überhaupt findet ….

Ja, das ist ein schwieriges Thema. Auch hier können staatliche Beratungsförster oder forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse helfen. Ansonsten ist das sehr schwer. Am besten wäre es, wenn man einen Waldnachbarn kennen würde. Aber stellen sie sich vor, sie wohnen in Nürnberg oder München, haben ihren Wald noch nie gesehen und wissen gar nicht, wer die Waldnachbarn sind. Und sie kennen auch all die forstlichen Netzwerke nicht.

Hinzu kommt, dass die Waldflächen oft sehr stark parzelliert sind. Was macht man mit einem Stück Wald, das zwei Meter breit und 100 Meter lang ist?

Flächentausch auf freiwilliger Basis wäre eine Möglichkeit. Das wird über die Ämter initiiert. Man kann versuchen, dass man die Waldstücke durch einen Sachverständigen bewerten lässt und so zurück tauscht, dass größere Flächen entstehen. Das funktioniert, ist aber sehr aufwändig. Jeder Waldeigentümer hat eigene Interessen und Vorstellungen von dem Wald. Es gibt ganz unterschiedliche Lagen, Bodenqualitäten und Altersstrukturen im Wald.

Wenn Erbengemeinschaften Immobilien erben, gibt es darüber oft Streit. Wie ist es mit Walderben?

Leider genauso. Wenn alle sagen „ich mach´s nicht“, macht keiner was. Bei Erbengemeinschaften braucht es einen konkreten Ansprechpartner, der den Hut auf hat, und die anderen müssen dann eben mit dessen Entscheidungen leben. Waldbesitzer sollten sich frühzeitig überlegen, an wen sie den Wald vererben, möglichst an eine Person. So tut man dem Wald viel Gutes.

Wie sind hier Ihre Erfahrungen?

Glücklicherweise ist der Wald für viele eine Herzensangelegenheit. Die meisten Waldbesitzer wollen, dass ihr Wald in gute Hände kommt, und auch für die kommenden Generationen erhalten bleibt. Wald zu besitzen ist eine emotionale Angelegenheit.

Aber auch eine teure. Ernte, Waldpflege, die gesamte Waldbewirtschaftung – das kostet doch alles Geld?

Wenn sie das in professionelle Hände geben, zum Beispiel bei forstwirtschaftlichen Zusammenschlüssen, werden sie mehr raus bekommen als rein gesteckt wird. Sie können Wald für Bau- und Energieholz nutzen und daraus einen Gewinn ziehen. Auf der anderen Seite wissen sie, wer ihren Wald angelegt hat – zum Beispiel die Oma oder der Opa – und welche Geschichte dahinter steckt. Diese beiden Seiten müssen sie zusammen bringen, wenn es um Privatwald geht.

Eine Herausforderung für die Beratungsförster …

Die müssen Fragen stellen und herausfinden: Was ist der Waldbesitzer für ein Mensch, wie tickt er? Stellen Sie sich einen Zahnarzt vor. Der braucht den finanziellen Gewinn aus dem Wald nicht. Wenn er den Wald behält und sich darum kümmert, stehen meist andere Aspekte im Vordergrund. Waldbesitzer haben ja auch eine gewisse Verantwortung. Sie müssen zum Beispiel Fichten rausholen, wenn der Borkenkäfer dran ist. Man hat auch eine Wegesicherungspflicht. Der Wald ist nicht zuletzt Erholungsraum für Menschen und Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Inwieweit können forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse den Waldbesitzern helfen?

Diese Zusammenschlüsse wurden in den 50er und 60er-Jahren von Waldbesitzern als Selbsthilfeeinrichtungen gegründet, um strukturelle Hindernisse zu überwinden. Man kauft gemeinsam Pflanzmaterial, vermarktet gemeinsam Holz, man informiert sich gemeinsam in Versammlungen. Mittlerweile bieten die meisten dieser Zusammenschlüsse Waldpflegeverträge an für Waldbesitzer, die sich nicht selbst um ihren Wald kümmern können oder wollen. Es gibt in Bayern auch zahlreiche private forstliche Dienstleister, an die man sich wenden kann.


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