Chancen und Risiken des modernen Holzbaus - Interview mit Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter

    Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter ist Inhaber des Lehrstuhls für Holzbau und Baukonstruktion an der Technischen Universität München. Seine Forschungsgebiete umfassen u.a. den vielgeschossigen Holzbau, den Brandschutz im Holzbau, energieeffiziente Holzbauweisen und Gebäudemodernisierungen mit vorgefertigten Bauteilen sowie Lebenszyklusanalysen und Ökobilanzierungen. Auch das "Zukunftsnetzwerk Holzbau Bayern" der Cluster-Initiative Forst und Holz in Bayern, dessen Mitglied Prof. Winter ist, verdankt ihm entscheidende Impulse. Dipl.-Holzwirt Markus Blenk hat den Holzbau-Experten zu Chancen und Risiken des modernen, mehrgeschossigen Holzbaus befragt.

    Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter, Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion an der TU München
    Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter, Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion an der TU München

    Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter ist Inhaber des Lehrstuhls für Holzbau und Baukonstruktion an der Technischen Universität München. Seine Forschungsgebiete umfassen u.a. den vielgeschossigen Holzbau, den Brandschutz im Holzbau, energieeffiziente Holzbauweisen und Gebäudemodernisierungen mit vorgefertigten Bauteilen sowie Lebenszyklusanalysen und Ökobilanzierungen. Auch das "Zukunftsnetzwerk Holzbau Bayern" der Cluster-Initiative Forst und Holz in Bayern, dessen Mitglied Prof. Winter ist, verdankt ihm entscheidende Impulse. Dipl.-Holzwirt Markus Blenk hat den Holzbau-Experten zu Chancen und Risiken des modernen, mehrgeschossigen Holzbaus befragt.

    Vorspann

    Auf Grund seiner unbestrittenen Vorzüge bietet sich Holz als Baustoff der Zukunft wie kaum ein anderer an und wurde auch schon in der Vergangenheit erfolgreich und dauerhaft eingesetzt. Das wesentliche Problem beim Bauen mit Holz ist allerdings nach wie vor der Brandschutz. So ist das Bauen mit Holz in Deutschland nur unterhalb der so genannten Hochhausgrenze geregelt. Sollen Holzgebäude mit mehr als drei Stockwerken errichtet werden, ist z.B. der Einsatz von sichtbaren Holz-Massivbauteilen oder der Einbau brennbarer Dämmstoffe wie Zellulose bislang nicht konform mit deutschen Bauordnungen und -richtlinien. Es stellt sich die Frage, wie diese Hindernisse des Holzbaus künftig entschärft werden können.

    Die Gestaltung des Baurechts ist ein zentraler Förderer oder Hemmer für den Holzbau. Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, die jeweiligen Bauordnungen der Länder anzugleichen oder vielleicht sogar eine dem Stand der Technik entsprechende Musterbauordnung zu entwerfen?

    Das macht natürlich Sinn! Wir haben zwar seit dem 01. März die neue Bauordnung in Baden-Württemberg, die Holzbau bis zur Hochhausgrenze geregelt erlaubt, aber eben nur dort. Da es zwar objektiv bei jedem Brandgeschehen anders brennt, das aber völlig unabhängig davon ist, ob der Brand nun beispielsweise in Ulm oder Neu-Ulm stattfindet, wäre eine bundesweite Angleichung der Bauordnungen aus rein technischer Sicht sinnvoll. Unabhängig vom Holzbau würde das die Bau- und Planungstätigkeiten über die Ländergrenzen hinweg deutlich vereinfachen. Außerdem hat sich, wie Sie richtig bemerken, infolge der intensiven Forschungs- und Entwicklungstätigkeit im Holzbau der Stand der Technik im letzten Jahrzehnt massiv verändert. Und wir bauen ja bis zur Hochhausgrenze in Holz, allerdings immer nur auf der Grundlage von Abweichungen und damit mit gewissen planerischen Ungewissheiten bis zur Genehmigung. Es ist also definitiv Zeit für eine neue Musterbauordnung und deren Einführung in den Ländern.

    Sie und Ihre Mitarbeiter haben weiterführende Konstruktionsregeln/-details für mehrgeschossige Gebäude in Holzbauweise der Gebäudeklasse 4 erarbeitet und vorgestellt. ("Standardisierter Bauteilkatalog für ein beispielhaftes siebengeschossiges Wohnungs- und Geschäftsgebäude in Holzbauweise") Inwiefern bringt dieser Bauteilkatalog das mehrgeschossige Bauen mit Holz weiter?

    In diesem Katalog haben wir den Stand der Technik für mehrgeschossige Gebäude der Gebäudeklasse 4 (hochfeuerhemmende Bauweise) dargestellt. Auch für die Gebäude die abweichend nicht nur gekapselt sind. Beispielsweise sind Anschlüsse gekapselter Wände an sichtbare Massivholzdecken enthalten. Ebenso haben wir für die Kapselbekleidungen aus Gipsbauplatten die Anschlusssystematik deutlich vereinfacht und nachgewiesen, dass stumpfe Stöße ebenso funktionieren wie die bisher vorgeschriebenen, komplizierter herzustellenden versetzten Stöße. Und u.a. sind Einbauregeln für Brandschutzabschlüsse enthalten. Der Katalog stellt gegenüber der Musterrichtlinie für hochfeuerhemmende Holzbauteile (M-HFHHolzR) gleichwertige Lösungen dar. Auf ihm aufbauend planen wir nun eine ergänzende Handlungsanleitung für Gebäude nach der Bauordnung BW (dort werden auch rauchdichte Anschlüsse verlangt) und einen Vorschlag für die Fortschreibung der MBO (Musterbauordnung). Zusammengefasst: Das mehrgeschossige Bauen mit Holz wird einfacher und damit kostengünstiger!

    Der geplante Bau eines 24-stöckigen Holzhochhauses in Wien sorgt für Furore in der Branche. Mit solchen Projekten sind Chancen aber auch Herausforderungen verbunden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

    Im Grundsatz positiv! Mit solchen Projekten wird die Leistungsfähigkeit des Holzbaus nachgewiesen! Allerdings - ein wenig Sorge mischt sich ein! Diese Projekte müssen von im Holzhochbau erfahrenen Planern detailliert durchgeplant werden. Insbesondere müssen mehrfache Sicherheiten bezüglich der Feuchtesicherheit eingebaut werden. Eine Schlagregenbeanspruchung im 24. Stock sieht eben anders aus als im dritten Stock und reparieren lassen sich mögliche Feuchteschäden in großer Höhe auch schwerer. Wenn ein exzellentes Bauteam von Planern und Architekten zur Verfügung steht, sehe ich allerdings keine wesentlichen Schwierigkeiten bei der Realisierung und der Nachhaltigkeit solcher Projekte. Ich kenne das Projekt in Wien und die Beteiligten nicht, gehe aber davon aus, dass die genannten Voraussetzungen vorliegen.

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